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Wenn die Fantasie auf Reisen geht 

Der kleine Ritter und das magische Schwert- Ein Stadtspaziergang durch Jüterborg

Hayo schaffte es gerade noch, aus der Tür zu hechten, als die Holzschüssel, die ihm seine große Schwester hinterhergeworfen hatte, mit lautem Scheppern gegen den Türpfosten knallte. Schwein gehabt. Diese Dinger machten ganz schöne Beulen am Kopf, wie er aus leidlicher Erfahrung wusste. Auch wenn sie wie heute meist leer waren. Es war harte Zeiten. So ein Apfel, wie er ihn seiner Schwester gemopst hatte, war an manchen Tagen die einzige Mahlzeit für den ständig hungrigen Jungen. Aber egal, sie arbeitete als Marktfrau für einen der Bauern, die morgens mit ihren Ochsenkarren in die Stadt schafften, was die Felder auf dem Lande noch hergaben. Wenn sie nicht mal wieder gerade vom Schlachtengetümmel mit mehr Blut als Wasser getränkt waren. Hayos Großvater hatte ihm erzählt, dass dieser Krieg nun schon fast 30 Jahre andauerte. Mit seinen acht Jahren hatte Hayo für seinen Geschmack mehr als genug davon zu sehen bekommen. Als er um die Ecke in die Gasse einbog, die man den Wursthof nannte, fühlte er sich endlich sicher genug, um den süßen Saft seiner schmackhaften Beute zu genießen. In diesem Moment kam die kleine Anna aus dem Eingang gegenüber und lächelte Hayo an. Sie neigte den Kopf ein wenig, klimperte ein paar mal mit den Augenliedern. Der Wind spielte mit ihrer blonden Mähne und in diesem Moment war sie für Hayo das schönste Geschöpf auf dieser Welt. Anna hüpfte mit federnden Schritten direkt auf ihn zu, lächelte ihn an – schnappte sich den Apfel und verschwand damit so geschwind in Richtung Marktplatz, dass Hayo noch mit offenem Mund da stand, als Anna längst nicht mehr zu sehen war. Wie gewonnen, so zerronnen, dachte er, drehte sich um und erstarrte erneut.

Der schwarze Ritter – in den Gassen Jüteborgs

Ein Reiter der kaiserlichen Truppen kam die enge Gasse hinauf galoppiert und hielt genau auf ihn zu. Mit jedem Meter schwoll das Geklapper der Hufen seines Schlachtrosses zu einem tosenden Donnern heran. Wenn das mal gut ging in dieser engen Schlucht zwischen den alten Fachwerkhäusern. Hayo drückte sich an die Wand, schloss die Augen, holte tief Luft und erwartete jeden Moment den Aufprall mit der breiten Brust des schwarzen Hengstes. Dann, Stille. Nur das Schnauben des Rosses war noch zu vernehmen. Hayo öffnete erst das linke, dann das rechte Auge. Er schaute direkt in die bebenden Nüstern des Rosses. Der heiße Atem des Tieres schlug ihm entgegen. Er hob langsam den Kopf. Seine Augen folgten dem in der Morgenröte matt glänzenden Metall vom Beinzeug über den Brustpanzer zu dem offenen Helm. Dann wanderten sie hinüber zu der Lanze in der Rechten des Reiters und zurück zu dem Schwert und der kunstvollen Verzierung am Angelstumpf dieser mächtigen Waffe. Ein schwarzer Ritter.

„Sage er mir, wo finde ich das Rathaus?“ Hayo, noch immer von dem Schwert in den Bann gezogen, hob den Arm und zeigte die Gasse hinunter.

„Da werdet ihr nicht so leicht durchkommen. Heute ist Markttag“, stotterte Hayo.

Der Ritter schob seine Hand die Satteltasche und holte ein versiegeltes Schriftstück heraus.

„Bring das in das Rathaus. Es wichtig. Ich darf keine Zeit verschwenden. Ich muss weiter zum Kloster Zinna. Ich kann mich doch auf dich verlassen? Es geht um Leben und Tod!“

Hayos Brust schwoll an vor Stolz.

„Selbstverständlich, mein Herr.“

Der Ritter griff erneut in die Satteltasche, zog sie wieder heraus und schnippte ihm einen Dreifachtaler zu.

„Für deine Dienste. Lauf los jetzt.“

Bevor Hayo sich bedanken konnte, riss der Ritter an den Zügeln, der Hengst bäumte sich auf und sie preschten die Mönchenstrasse hinunter.

Der Feind naht – Auf zum Rathaus

Hayo sah auf die Münze. War er jetzt der Knappe eines echten Ritters? Ja. Und wenn er seinen Auftrag ausführte, würde man ihn ebenfalls zum Ritter schlagen. Da war er sich sicher. Doch Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste. Mit diesem Schatz in der Tasche, wäre es viel zu gewagt, sich unter die Leute auf dem Markt zu mischen. Also bog er in die Klostergasse ein und nahm den Umweg vorbei an dem mächtigen Klosterbau in Kauf. Die Franziskanermönche würden ihn bestimmt nicht bestehlen. Die schienen ohnehin schwer damit beschäftigt, eine mächtige Kiste auf einen Karren zu verladen. Sicherlich handelte es sich dabei um den Tetzelkasten, eine Truhe zur Verwahrung der Gelder aus dem Verkauf von Ablassbriefen. Vielleicht sollte auch er sich von seinem Dreifachtaler noch einen kaufen, bevor er im Kampf gegen die feindlichen Heerscharen fiel. Konnte doch nicht verkehrt sein, sich vorher mit dem Herrn noch einmal gut zu stellen. Er sah, wie immer mehr Menschen auf der Suche nach Schutz durch das Zinnaer Tor in die Stadt strömten. Auf dem Zwinger, den freien Flächen zwischen der äußeren und der inneren Stadtmauer, errichteten sie sich eine einfache Schlafstatt zwischen den Verwundeten Soldaten, die von den Mönchen versorgt wurden.

Hayo hastete über den Mönchenkirchplatz um sich zwischen den Häusern bis zum Rathaus vorzukämpfen. Dort angekommen, verwehrten ihm die Wachen zunächst den Zugang, indem sie ihre Hellebarden kreuzten und somit den Eingang durch das vordere Portal versperrten. Doch Hayo ließ sich nicht beirren. Er griff in sein Leinenhemd, holte den Brief hervor und hielt es einem der Posten so unter die Nase, dass das Siegel deutlich zu erkennen sein musste. Plötzlich begannen die Glocken der St. Nikolai Kirche im wahrsten Sinne des Wortes, Sturm zu läuten.

„Ich komme im Auftrag meines Ritters. Gebt den Weg frei und führt mich in das Fürstenzimmer zu den Ratsherren. Es geht um Leben und Tod“, schrie er die Wachleute an.

Keiner der beiden gab auch nur einen Mucks von sich, geschweige denn, dass sie Anstalten machten, ihm weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Er musste sich einen anderen Weg suchen. Inzwischen stimmten die Glocken des Rathauses, der Liebfrauenkirche und der Mönchenkirche nacheinander in den Kanon des ohrenbetäubenden Geläuts ein. Einer der Ratsherren kam aus dem Gebäude gestürmt, um zu sehen, was los war. Er schnaubte verächtlich und stieß Hayo beiseite. Doch der hatte einen Auftrag zu erfüllen und knallte dem Mann den Brief vor seinen dicken Wanst.

„Lies das. Ich bin hier im Auftrag meines Ritters“ schrie Hayo den Mann an.

„Was willst du Rotzlümmel…“, mitten im Satz brach er ab, starrte das Siegel an, strich Hayo entschuldigend über den Kopf und brach das Siegel. Seine Augen huschten schnell von einer Zeile zur nächsten, als er ausrief: „Die Schweden kommen, Sie stehen mit ihren Truppen bereits auf der Birkheide und damit praktisch vor den Toren unserer Stadt.“

Wie auf Kommando setze in der Ferne Kanonendonner ein. Der Mann ließ den Brief fallen und eilte mit vor Angst geweiteten Augen zurück in das Backsteingebäude. Das musste Hayo unbedingt sehen. Auf der Stelle machte er kehrt und rannte in Richtung einer der mächtigen Wehrtürme, den sie wegen seines eierförmigen Grundrisses Eierturm nannten. Er stoppte abrupt, machte kehrt und griff sich den Brief. Vielleicht würde ihm das Siegel Zugang zu der Wehranlage verschaffen. Bestimmt war es doch das Wappen des großen Feldherrn Wallenstein, von dem die Leute berichteten, dass er einst in der Stadt sein Lager aufgeschlagen hatte. Da er nie eine Schule besucht hatte, konnte er nicht wissen, dass Wallenstein bereits 10 Jahre zuvor ermordet worden war.

Der Schmied und das Zauberschwert

Jetzt brauchte er nur noch ein Schwert. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen. Was lag näher, als den Schmied zu fragen. Also wandte er sich nach rechts und eilte zur Schmiede. Der Schmied war eine imposante Gestalt mit kräftigen Oberarmen und einem dichten, schwarzen Schnauzbart. Wenn die Sage stimme, hatte er sogar den Teufel besiegt (http://www.schmied-jueterbog.de/index.php?page=die-sage). Es war glühend heiß in der Werkstatt. Er tippe dem Schmied, der gerade mit seinem schweren Hammer auf die Klinge eines Dolches eindrosch, sanft an die Hüfte. Bis zur Schulter reichten Hayos Arme nicht.

„Was willst Du?“dröhnte seine Stimme, ohne dass er sich umdrehte.

„Ich brauche ein Schwert.“          

„Wenn du kein Zwergensoldat bist, kostet das zuviel für einen Kerl deiner Größe.“ Er hatte sich dem Jungen noch immer nicht zugewandt.

„Ich bin der Knappe eines Ritters. Und ich habe Geld.“

Der Schmied holte noch einmal weit aus und führte einen letzten mächtigen Schlag, hob die Klinge mit einer eisernen Zange an, tunkte sie in ein Wasserfass, musterte sie zufrieden, legte Klinge und Hammer auf den Amboss und wandte sich nun endlich Hayo zu.

„Du Knirps hast also Geld. Wie viel denn?“

„Einen Dreifachtaler.“ Hayo hielt den Taler stolz in die Höhe.

„Aaaaha. Und du bist der Knappe eines Ritters? Wie heißt der denn?“

„Darf ich nicht sagen. Aber sieh, hier ist sein Wappen.“ Er griff in sein Hemd und holte den Brief hervor.

Der Schmied betrachtete es kurz und lächelte, wie es Hayos Großvater manchmal tat, wenn er nicht gerade mit dem Rohrstock hinter ihm her war.

„Wenn das so ist. Dann komm mal mit. Ich nehme an, du darfst mir nicht sagen, was dein Auftrag ist, oder?“

„Richtig. Nur soviel: Die Schweden stehen vor der Stadt“ antwortete Hayo.

„Na, dann such dir da vorn mal eines aus. Wenn du es von dort drüben bis hinaus auf die Gasse tragen kannst, ohne das es auf dem Boden schleift, gehört es dir.“

Er grinste seinen Gesellen an und zeigte mit dem Finger auf eine Ecke, in der Schwerter und andere Waffen lagen. Die meisten waren rostig, hatten tiefe Kerben in der Klinge und so gar nichts Glanzvolles mehr. Hayo probierte eines nach dem anderen aus. Waren die Dinger schwer. Zu seinem eigenen Verdruss musste er sich eingestehen, dass er ein solches Schwert unmöglich bis nach draußen, geschweige denn im Kampfe führen konnte. Da fiel sein Blick auf den Stiel eines kaputten Streitkolbens, dem der Metallbeschlag fehlte. Immerhin, der Griff war mit Metall beschlagen. Da konnte man was draus machen. Und er konnte ihn ohne Probleme anheben.

„Eine gute Wahl“, hörte er den Schmied sagen. Das müssen wir nur noch neu schärfen und dann kannst Du in die Schlacht ziehen. Er packte das Holz, zog es Hayo aus den Händen und klemmte es in seinen Amboss ein. Mit Zugmesser, Steckeisen und Holzfeile formte der Schmied mit wenigen geschickten Handbewegungen eine perfekte Klinge. „Da hast Du dein Schwert.“

„Das ist meines?“, stotterte Hayo und nahm dieses Wunderwerk der Schmiedekunst, dass es in seinen Augen war, feierlich mit beiden Händen entgegen.

„Warte, du brauchst noch einen Gürtel, in den du es stecken kannst.“ Der Schmied schaute sich um, entdeckte einen alten Ledergürtel, kürzte ihn auf die passende Länge und band ihn dem Jungen um.

„So, dann probier mal, ob dein Schwert dort hinein passt.“

Mit Bedacht, um sich nicht selbst zu verletzten, führte Hayo sein Schwert in den Gürtel ein und sah hoch zu dem Schmied.

„Perfekt. Behalte Dein Geld und verteidige uns gegen die Schweden. Aber bedenke eines. Es ist ein Zauberschwert. Das erkennt man an dem Griff und der Klinge aus Holz. Da braucht es kein geschmiedetes Eisen. Führe es nur im gerechten Kampf gegen deine Feinde und verwende es niemals, wirklich niemals gegen Freunde oder Unschuldige. Denn dann wird es sich gegen dich selbst wenden. Jetzt geh!“ Der Schmied konnte ja nicht ahnen, wie schnell die Waffe zum Einsatz kommen würde.

Hayo hingegen fehlten ausnahmsweise mal die Worte. Außer einem knappem „Danke“ brachte er kein Wort heraus. Er wandte sich um und trat hinaus auf die Gasse. Jetzt konnte er den Markt ohne Bedenken queren. Da war er sich sicher.

 

    

copyright: Carsten Dohme, Gecko Publishing 2014

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